Kasachstan 2016

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Foto: Dr. Beate Eschment

Die deutsche Zentralasienexpertin Dr. Beate Eschmet von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen im Gespräch über den diesjährigen deutschen OSZE-Vorsitz, die Expo 2017 in Astana sowie die deutsch-russischen Beziehungen.

 

1) Die im März 2016 in Kasachstan stattgefundenen, wiederholt vorgezogenen Parlamentswahlen (Madschilis) brachten zwar die erwünschte Mehrheit für die Staatspartei Nur Otan, doch lag z.B. in Almaty die Wahlbeteiligung nur bei 34 Prozent und eine Oppositionspartei (OSDP) erhielt gar 9,9 Prozent der Stimmen. Wie sehen Sie diese Ergebnisse und die vorterminierten Wahlen auch vor dem Hintergrund der schwelenden Wirtschaftskrise?

Die Parlamentswahlen wurden, wie schon zuvor die Präsidentschaftswahlen, vorgezogen wegen der Wirtschaftskrise, das heißt weil man eine Verschlechterung der Stimmung in der breiten Bevölkerung befürchtete und deshalb dem Thema Wahlen mit dem Gedanken: „je eher, desto besser“ begegnete. Ziel war eine möglichst hohe Wahlbeteiligung mit ebenfalls möglichst hohem Ergebnis für Nur Otan, um sagen zu können: die Bevölkerung steht hinter uns. Das wurde erreicht – mit den üblichen Einschränkungen vom westlichen Standpunkt bzgl. Freiheit und Fairness der Wahlen. Der „Ausreißer“ in Almaty zeigt wieder einmal, dass Almaty anders ist als das restliche Kasachstan, aber auch, dass Wahlergebnisse nicht beliebig von oben „verbessert“ werden (das ist immerhin ein gutes Zeichen). Almaty ist sicherlich der Ort, dessen Bevölkerung der Ak Orda am meisten Sorgen macht. Aber an den wirklich anstehenden, Land und Bevölkerung belastenden Problemen (Wirtschaftskrise, Nachfolgefrage) hat die Wahl natürlich überhaupt nichts geändert, denn es sind ja keine neuen Parteien mit neuen Lösungsansätzen ins Parlament eingezogen.

2) Ölpreisverfall, Tengeabwertung, Inflation, abnehmendes Bruttoinslandsprodukt, Reformstau im Bankenwesen und bei der Diversifizierung der Wirtschaft und dem Kleinen und Mittleren Unternehmertum (KMU) – wie schätzen Sie den gegenwärtigen Zustand der kasachische Wirtschaft sowie deren Strukturprobleme ein, wo steht die deutsch-kasachische Rohstoffpartnerschaft, was beinhaltet das Erweiterte Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit der EU und welches Potential birgt Ihrer Meinung nach die Eurasische Wirtschaftsunion?

Ich bin keine Ökonomin, aber was ich von Fachleuten lese und von Freunden aus Kasachstan höre, ist besorgniserregend. Zwar hat man mit den Nationalfonds Vorsorge für schlechte Zeiten getroffen, aber offensichtlich nicht erwartet, dass diese schlechten Zeiten jemals eintreffen könnten. Genauso wusste man schon seit Jahren ganz genau, dass eine Diversifizierung der Wirtschaft dringend notwendig war. Es passierte aber fast gar nichts, weil die reichen und damit einflussreichen Personen/Familien kein Interesse an einer Veränderung hatten. Einerseits erhöht die Krise jetzt den Reformdruck, das ist gut, andererseits begrenzt sie natürlich die Möglichkeiten und unter Zeitdruck entstehen nicht unbedingt die besten Ideen.

Deutschland und Europa können Kasachstan in der jetzigen Situation unterstützen, vor allem in Hinblick auf Modernisierung, aber nichts wirklich durchschlagend verändern. Dafür reichen ihre ökonomischen Möglichkeiten nicht, auch die geopolitischen Realitäten sprechen dagegen. Die Eurasische Wirtschaftsunion hat theoretisch ein gewaltiges Potential, aber mal abgesehen davon, dass sie ein russisches Projekt ist, das schon vom Ansatz her vor allem Russland dienen sollte, können weder Russland noch die EEU wegen der derzeitigen ökonomischen Krise Kasachstan durchschlagend helfen. Ich persönlich setze da mehr Hoffnungen auf das chinesische Silk Road Economic Belt Projekt. Im Prinzip muss Kasachstan jetzt ganz auf eine ökonomische Multi-Vektoren-Politik setzen.

3) Welche Chancen und Potentiale sehen Sie im diesjährigen deutschen OSZE-Vorsitz für Zentralasien und insbesondere für die kürzlich vom deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier besuchten Staaten Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan?

Deutschland hat ja schon vom Moment der Unabhängigkeit an ein im Vergleich zum restlichen Europa großes Interesse an den neuen zentralasiatischen Staaten gezeigt, sichtbarstes Zeichen und Höhepunkt war die Zentralasien-Strategie während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007. Ein ähnlich gewaltiges Signal ist dieses Mal nicht zu erwarten. Aber natürlich war die Reise des Außenministers ein Zeichen und geeignet, Aufmerksamkeit auf die Region zu lenken beziehungsweise den betreffenden Staaten zu signalisieren: wir haben euch auf dem Schirm. Mehr lässt sich hier kurz nicht sagen, denn für eine Beantwortung der Frage nach „Chancen und Potentialen“ müsste man diese zunächst definieren und zum Beispiel der Frage nachgehen, inwieweit die Führungen zentralasiatischer Staaten überhaupt Interesse an einer intensiveren Zusammenarbeit im Bereich der „menschlichen Dimension“ haben, die ja ein Kernelement der OSZE ist. Das ist ein schwieriges Thema. Gemeinsame Interessen bestehen im Augenblick vor allem im Bereich Kampf bzw. Vorbeugung gegen den Islamismus.

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Foto. Dr. Beate Eschment

4) Wie schätzen Sie die Pressefreiheit in den Staaten Zentralasiens ein?

Auch das ist ein schwieriges Thema. Es gibt da ganz erschreckende Vorfälle. Die internationalen Rankings/Indizes sprechen auch eine deutliche Sprache. Wobei ich nicht die Tatsache, dass es Probleme mit der Pressefreiheit gibt, bedrückend finde, sondern die Tendenz. In den meisten Staaten ist über die Jahre eine Verschlechterung zu beobachten, also kein Lernprozess, ganz im Gegenteil. Denn der wäre ja ganz natürlich, Anfang der neunziger Jahre hatten schließlich nicht nur die Regierungen keine Erfahrung mit einer freien Presse, sondern auch die einheimischen Journalisten mussten die neuen Standards und Möglichkeiten erst kennen lernen. Inzwischen hat sich da viel bewegt, aber natürlich haben nicht-demokratische Staatsführungen auch kein Interesse an einer funktionierenden „vierten Gewalt“. Wobei man hier natürlich unbedingt zwischen den einzelnen zentralasiatischen Staaten differenzieren muss. Auf der einen Seite steht Turkmenistan, wo Medien staatliche Verlautbarungsorgane sind und unerwünschte Ereignisse einfach nicht berichtet werden, auf der anderen Seite steht Kirgistan mit einem rechten bunten Medienspektrum, das allerdings auch nicht ohne Probleme ist.

5) Wirtschaftsimpuls oder inszeniertes PR-Spektakel? Welche Bedeutungen kommen Ihrer Meinung nach der bald stattfindenden Expo 2017 sowie dem Astana International Finance Center zu?

Das Expo-Projekt stammt noch aus der Zeit des wirtschaftlichen Wohlergehens, es gehört in den Kontext der vielen anderen Bemühungen um das Image Kasachstans, das heißt für mich war es vor allem als PR-Maßnahme gedacht. Ich glaube zum Beispiel auch nicht, dass man in Kasachstan wirklich an Green Economy interessiert war, dieses Motto war Mittel zum Zweck, man wusste, dass dies ein im Westen positiv besetztes Thema war, an dem großes Interesse bestand. Natürlich bestanden auch ökonomische Interessen, aber die waren nicht primär.

Ich habe jetzt große Zweifel daran, ob die ursprünglichen Hoffnungen aufgehen, die diversen Skandale haben der Sache natürlich geschadet und die engere Finanzlage macht die Sache nicht einfacher. Die Hoffnungen bezüglich Expo haben sich in den letzten Jahren aber auch in anderen Staaten der Welt als trügerisch erwiesen, vielleicht hat man von Anfang an auf das falsche Pferd gesetzt. Heute wäre man in Astana vermutlich froh, wenn man das Geld für dieses verfahrene Projekt sparen könnte, andererseits ist man gerade jetzt mehr denn je auf Aufmerksamkeit internationaler Investoren angewiesen. Hoffen wir das Beste!

6) Das politische Astana scheint sehr an prestigeträchtigen Großveranstaltungen wie dem OSZE-Vorsitz 2012, der Expo 2017, der Winterolympiade 2022 interessiert zu sein. Wie erklärt sich das?

Wie bereits gesagt, Astana ist sehr an Kasachstans positivem Image interessiert und will sich regional wie international als wichtiger, beachteter und geachteter Player positionieren. Der Vorsitz in internationalen Organisationen wie OSZE oder 2013 OIC ist Ausdruck dieses Bemühens, aktuell gehört auch das Streben nach einem nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat dazu. Expo, Asienspiele, die Bewerbung um die Olympischen Winterspiele, …, das gehört alles in diese Imagekampagne – die natürlich auch eine innenpolitische Komponente hat, denn natürlich macht die Führung auch gegenüber der Bevölkerung „Werbung“ damit, dass die Welt das System Nasarbajew schätzt und unterstützt.

7) Auch Russland hat im Zusammenhang mit der Ukrainekrise mit einer Rezession, mit Rubelverfall, westlichen Sanktionen sowie einem Ölpreiseinbruch zu kämpfen. Der brüchig gewordene Gesellschaftsvertrag – Wohlstand gegen politisches Wohlverhalten – scheint auch dank der martialischen Propaganda dennoch zu halten. Wie lange wird der „Fernseher noch über den Kühlschrank“ gewinnen, wann wird die soziale Unzufriedenheit Ihrer Meinung nach politisch virulent werden?

Ich beschäftige mich mit russischer Politik genauer nur in Hinblick auf das Verhältnis Kreml – zentralasiatische Staaten, für alle weiteren Aspekte bin ich nur interessierte Zeitungsleserin. Die Antwort von Experten und Journalisten auf ihre Frage scheint mir abhängig davon zu sein, ob sie von einem sogenannten Putin-Versteher oder einem Putin-Kritiker kommt, also nicht primär faktenbasiert zu sein. Im Grunde genommen überwiegt bei allen immer noch das Erstaunen darüber, dass die russische Bevölkerung mehrheitlich so stark zu Putin steht, also ganz anders ist – weniger liberal, nicht internationalistisch, als man lange Zeit glaubte. Und man stellte überhaupt nicht in Rechnung, dass viele Menschen den Verlust des Großmachtstatus auch als Verlust empfanden. Putin bedient da sehr geschickt ideelle Bedürfnisse. Wie lange das gut geht, wage ich nicht vorauszusagen. Russland ist groß …, die Stimmung in Moskau steht nicht für das ganze Land.

8) Innerhalb relativ kurzer Zeit hat sich die wirtschaftliche Kooperation mit der Russischen Föderation in eine wirtschaftliche und politische Konfrontation mit dem Westen verwandelt. Welche Erklärungsmodelle bieten sich hierbei an?

Für solche Entwicklungen sind natürlich immer beide Seiten verantwortlich, das möchte ich eingangs stark betonen. Meine Antwort möchte ich dennoch auf die westliche Seite beschränken. Meines Erachtens ist die heutige Konfrontation nämlich nicht nur, aber auch Folge westlicher Fehleinschätzungen, die auf mangelnder Kenntnis beruhen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war man im Westen voller Euphorie und glaubte zum Beispiel, die zuvor abgeschottete dortige Bevölkerung wolle nun 1:1 dem westlichen Vorbild folgen. Man verstand nicht, dass die Menschen erstens die Verhältnisse im Westen ja gar nicht wirklich kannten und zweitens die gesellschaftlichen Verhältnisse im Bereich der FSU vielleicht gar keinen schnellen unmittelbaren Übergang zu Demokratie, Marktwirtschaft etc. zuließen. Die Wahl Putins ist unter anderem auch Ausdruck enttäuschter Erwartungen. Auch die Bedeutung der Ukraine, ich meine die symbolische, nicht die reale, für Russland hat man in Westeuropa meines Erachtens ursprünglich nicht verstanden. Aber immerhin ist zu vermelden, dass man in Deutschland aus diesen Erfahrungen gelernt hat und ja gerade ein neues unabhängiges Institut zur Erforschung der GUS-Staaten gegründet wird. Ich würde das als Zeichen dafür interpretieren, dass man in Berlin Russland und dem gesamten GUS-Raum große Bedeutung beimisst, an einer Verbesserung der Beziehungen zu Russland und natürlich einer Beilegung der derzeitigen Konflikte interessiert ist.

 

Kasachstan und die neuen Herausforderungen

 

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Den Verwerfungen auf den internationalen Devisen- und Rohstoffmärkten zum Trotz bleibt das zentralasiatische Binnenland politisch stabil und findet mit seinen Partnerländern Russland, China der EU sowie den Vereinigten Staaten eine gemeinsame Sprache, um vielseitige und erfolgreiche Wirtschaftskooperationen zu entwickeln. Dank dieses Stabilitätsfaktors genießt Kasachstan die führende Position mit dem Umsatz von 200 Millionen US Dollar an direkten Investitionen im Vergleich zu den anderen GUS Ländern in den Region.

 Umfangreiche staatliche Diversifikationsprozesse tragen den Schwankungen an den Rohstoffbörsen Rechnung und zielen auf die Modernisierung der Wirtschaftsstruktur und auf eine Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Dadurch wiederum werden die Voraussetzungen für den erfolgreichen Investitionszufluss mit den neuen Anlagemöglichkeiten in der Verarbeitungsindustrie geschaffen.

Insbesondere das im Juli 2014 initiierte Pilotprojekt – „Visafreie Regelung“, das Kasachstans Partnerländer Australien, Ungarn, Italien, Monaco, Belgien, Spanien, Holland, Norwegen, Schweden, Malaysia, die Vereinigten Arabischen Emirate, Singapur, Großbritannien, die USA, die Bundesrepublik Deutschland, Finnland, Frankreich, Schweiz so wie Japan umfasst, trägt dazu bei. Mit Südkorea wurde ein Abkommen über einen einmonatigen visafreien Aufenthalt unterschrieben.

Zum anderen wurden per Gesetz Auslandsgeschäfte vereinfacht und Investoren von Steuern entlastet.

Kasachstan ist in zehn verschiedenen wirtschaftlichen Zonen aufgeteilt. Jeder Wirtschaftszone hat ihr eigenes Steuerentlassungssystem. Die Investoren in den subventionierten Branchen werden sowohl von der Umsatzsteuer und Grundsteuer für zehn Jahren als auch von dem Eigentumsteuer für acht Jahren befreit. Der Staat garantiert die Stabilität bei der Steuerregelung und übernimmt 30 Prozent des Kapitalaufwandes beim Betriebsstart. Der Staatsapparates wurde entbürokratisiert, das Verwaltungssystems digitalisiert, ein Ombudsmann vertritt nun die Investoreninteressen.

 Insbesondere das für Januar 2016 geplante internationale Finanzzentrum „Astana“ wird weiteren Steuer- und Zollentlastungen, Investitionssicherheit und freiem Kapitalverkehr zur Attraktivität und Dynamisierung des Standortes Kasachstan beitragen und weitere ausländische Direktinvestitionen zur Folge haben. Die Staatsagentur KAZNEX INVEST wird flankierend mit den entsprechenden Ministerien, nationalen Unternehmen und Fonds Kontakte herstellen und beratend tätig sein.

Seine geografische Lage sowie die logistischen Verbindungen machen Kasachstan zu einem Zentrum der und Umschlagplatz für Waren und Dienstleistungen aller Art. Mit den internationalenTransportkorridoren entsteht dort die „Neuen Seidenstraße“.

 Die WTO-Mitgliedschaft, die gemeinsame Zollunion mit Russland und Weißrussland sowie der gemeinsame Wirtschaftsraum und die Eurasische Wirtschaftsunion (Russland, Weißrussland, Kasachstan, Kirgisien, Armenien) eröffen nationalen und internationalen Investoren immense Perspektiven.

 

Konstantin Dallibor

 

 

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Die Krim und die Ukraine

Mit dem militärischen Ausgreifen und der Blitzaufnahme der Krim per Referendum hat der Kreml Fakten geschaffen. Während in Moskau Regierungsvertreter und Nationalisten feiern, sieht sich die Gemeinschaft Unabhängiger Statten (GUS), die EU, die USA sowie die Weltgemeinschaft einer auch psychologisch neuen Situation gegenüber, die weitere Fragestellungen aufwirft und eine qualitativ andere Herausforderung darstellt.

Der Vielvölkerstaat Ukraine, ethnisch zerrissen, wirtschaftlich bankrott und politisch fragil bis paralysiert, scheint zu einer beliebigen Verfügungsmasse geworden zu sein. Die derzeitige Kiewer Regierung ist schwach, die Situation auf dem Maidan wetterwendisch und die Zukunft von Viktor Janukowitsch unklar.

Wirtschaftlich kommt 2014 einiges auf die Ukraine zu. Da das Land ein hohes Leistungsbilanzdefizit aufweist und nur über geringe Devisenreserven verfügt, werden tiefe Strukturreformen, eine strenge Austeritätspolitik sowie Finanzhilfen von IWF und der EU in Höhe von 25 bis 35 Milliarden US-Dollar nötig sein. Für 2014 rechnet man mit einer Inflation von 10 bis 14 Prozent, einer Schrumpfung des BIP um 5 bis 10 Prozent sowie einer anstehenden Budgetfinanzierung. Die Ukraine verfügt über kaum Möglichkeiten, nennenswerte Summen am internationalen Kapitalmarkt aufzunehmen. Und mit einer Verschlechterung der ukrainisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen ist zu rechnen.

Den russischen Präsidenten jedoch in dieser Situation als Brandstifter zu bezeichnen, wie es der Spiegel in seiner Ausgabe vom 10. März 2014 getan hat, ist ebenso falsch und polemisch wie der Vergleich mit Hitler, den die ehemalige amerikanische Außenministerin Hillary Clinton angestellt hat. Zu den 26 Millionen Sowjetopfern der Naziaggression gehören bekanntlich auch Angehörige aus Putins Familie.

Moskau vermutete nach einem möglichen EU-Beitritt des Ukraine eine baldige Nato-Mitgliedschaft des Landes und in dessen unmittelbarer Folge amerikanische Militärbasen sowie die Stationierung von Raketen in der Ostukraine. Somit wäre Russland politisch erpressbar geworden. Schon die für Polen und Tschechin geplante amerikanische Militärinfrastruktur mit Raketeneinheiten wären für die Russische Föderation eine Bedrohung gewesen, die Ukraine dagegen ein Alptraum. Ein Abdriften der Ukraine in das westliche Lager, eine Ausschaltung des strategisch wichtigen russischen Flottenstützpunktes auf der Krim sowie ein militärisches Vordringen der Nato in die Ukraine hätte Putin zu Recht innenpolitisch nicht überlebt und musste deshalb verhindert werden.

Zu Recht hat Putin „dem Westen“ wiederholt und auch in seiner lesenswerten Rede vom 18. März 2014 Heuchelei, Ignoranz sowie die Instrumentalisierung des Völkerrechts zu politischen Zwecken vorgeworfen. Europäische Reaktionen gegen die amerikanische Irakinvasion, gegen den Afghanistan- und Jugoslawienkrieg, die amerikanische Syrienpolitik, gegen Drohneneinsätze, Folter- und Abhörskandale fielen weit moderater aus als die heftige westliche Kritik an der Krimannexion. Putin demonstrierte mit seiner „Eskalationsdominanz“ im „nahen Ausland“, seine Fähigkeit, den Gegner von weiteren Schritten abzuhalten, seine Überlegenheit über die saturierten, westlichen Wohlstandsgesellschaften, stellte jedoch auch das internationale Image Russlands in Frage und riskierte eine diplomatische Isolation. Auch zeitigte das Vorgehen Negativfolgen für die russischen Börsen und führte zu einer Abwertung des Rubels.

Einige Ex-Sowjetrepubliken mit großer russischer Minderheit wie Kasachstan, Moldawien und auch das Baltikum werden den Krimanschluss mit gemischten Gefühlen beobachtet haben, da ihnen möglicherweise ein ähnliches Szenario drohen könnte, sollte sich Moskau auch dort zum Sachwalter für die Interessen der Auslandsrussen erheben. Vielen wird auch vom weiteren Vorgehen der Russen in der Ukraine und insbesondere auf der Krim abhängen. Dennoch werden sich viele Staaten der GUS mit Russland solidarisch erklären.

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew kritisiert dagegen den Bruch des Budapster Abkommens von 1994, in dem die USA und Russland der Ukraine im Austausch für dessen Atomwaffen die territoriale Integrität zugesichert hatten.

Offen ist, wie sich die neue Situation auf die bilateralen deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, insbesondere nach den von der EU und den USA angedrohten Sanktionen, entwickeln wird. Nicht nur beim Ost-Auschuss der Deutschen Wirtschaft, beim Verband der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) sowie in den Chefetagen von Metro, Volkswagen, Siemens, BMW, Daimler und Adidas herrscht Verunsicherung. Immerhin beläuft sich allein die deutsch-russische Handelsbilanz 2013 auf rund 80 Milliarden Euro, ca. 6 000 deutsche Firmen sind in der Russischen Föderation tätig, etwa 300 000 deutsche Arbeitsplätze hängen am Russland-Geschäft.

Russland wird sich in Zukunft stärker nach Asien orientieren und insbesondere seine wirtschaftspolitische und militärische Zusammenarbeit mit China verstärken. Sanktionen, welcher Art und Stufe auch immer, werden den Kreml nicht abschrecken sondern entsprechend beantworten.

Konstantin Dallibor

 

Putin in der deutschen Medienlandschaft

Der russische Präsident Wladimir Putin, erst kürzlich vom US-Magazin Forbes zum mächtigsten Mann der Welt gekürt, kommt in den deutschen Medien traditionell schlecht weg. Kaum ein Artikel erscheint, der nicht explizit auf seine Dresdener Geheimdiensttätigkeit in der damaligen DDR verweist und mit moralischem Zeigefinger zu Recht oder zu Unrecht die Mediengängelung, Menschenrechtslage, Unfreiheit und Rechtsunsicherheit in Russland kritisiert. Negativschlagzeilen dominieren die Berichterstattung und Unterhaltungsindustrie. Fortschritte, etwa im Bildungs- und Gesundheitswesen in der Wirtschaft oder Infrastruktur, werden dagegen kaum vermeldet.

Als Putin im Jahr 2000 die Präsidentschaft und damit die Herkulesaufgabe der Regierung Russlands von Boris Jelzin übernahm, überwogen im Westen Skepsis, ja Arroganz gegenüber dem vermeintlich „kleinen KGB-Oberst“, der als blasse Übergangsfigur ein- und dessen Fähigkeiten, Ehrgeiz und Dynamik gefährlich unterschätzt wurden.

Die Situation im Land selbst war schwierig. Insbesondere für den Leningrader in Moskau, der das Ende der Sowjetunion als die größte geopolitische Katastrophe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet hatte, die Nato-Osterweiterung misstrauisch verfolgte und die Angloamerikaner verdächtigte, nur an den Rohstoffen, insbesondere an Öl und Gas, interessiert zu sein und Russland im Übrigen als politische, wirtschaftliche und militärische Macht eindämmen und destabilisieren zu wollen.

Begriffe wie Marktwirtschaft, Demokratie und Meinungsfreiheit, die sich in den 90er Jahren in den Augen der Bevölkerung in Chaos, Hyperinflation, zunehmende Arbeitslosigkeit, steigende Preise sowie Kriminalität und Korruption verwandelt hatten und damit kompromittiert und diskreditiert erschienen, wurden durch das ideologische Vakuum, den Verlust der sozialistischen Satellitenstaaten sowie den Zusammenbruch des gesamten sozialistischen Systems verstärkt. Ein gesundheitlich schwer angeschlagener und alkoholkranker Boris Jelzin hatte – mit katastrophalen Folgen für das Land und die gesamte GUS – mehr und mehr die Regierungsführung in die Hände der Präsidialadministration, seiner Tochter Tanja Djatschenko sowie einflussreicher Geschäftsleute (Boris Beresowski, Wladimir Gusinski, Michail Chodorkowski u.a.) gelegt.

Unter der Prämisse des Primats der Politik begann Putin zum einen den Transformationsprozess und Crashkurs von der wirtschaftlich, politisch und sozial hoffnungslos veralteten militaristischen Gesellschaft hin zu einem modernen, kapitalistisch-marktwirtschaftlich verfassten Staat. Reformen werden in Russland in der Regel evolutionär „von oben“ und nicht revolutionär „von unter“ initiiert. Zum anderen drängte Putin mit legalen und halblegalen Mitteln den Einfluss der Oligarchen zurück, bzw. vertrieb sie ins Ausland oder brachte sie ins Gefängnis. Das Staatsmonopol über wichtige Industriebranchen wurde wiederhergestellt, ein massiver Militäreinsatz drängte den Separatismus in Tschetschenien zurück und nicht zuletzt brachte Putin – bedingt auch durch sprudelnde Petrodollars – Russland als Global Player und handlungsfähige Großmacht wieder in den Kreis der Weltmächte.

Neben einer Gesundheitsreform, sozialen Wohnungsbauprojekten und der Modernisierung der Bildungseinrichtungen wurden für Milliarden Rubel ein europäisches Versicherungswesen sowie ein zeitgemäßes Bankensystem eingeführt. Der Typus des kastenartig abgeschotteten grauen Sowjetfunktionärs mit seinem in die Tiefe gestaffelten Privilegiensystem wurde endgültig durch liberale marktwirtschaftliche Reformer, kapitalistische Jungunternehmer und Geheimdienstmitarbeiter mit Sprachkenntnissen, Auslandserfahrung und Netzwerken ersetzt.

In einem gewissen Sinne, aber zu einem sehr hohen Preis, gab die Regierung mit dem Konsolidierungsprozess dem Land seine Würde zurück. Für diese schmerzhafte Transformation mangelte es „dem Westen“ teilweise an Respekt, Verständnis und Kenntnis.

Putin, der mit sehr hoher Arbeitsethik, Professionalität und zunehmender Selbstsicherheit klug die Machtvertikale und Machtzentrierung im Lande durchsetzte, wurde dabei durch den hohen Ölpreis sowie die Anschläge vom 11. September 2001 begünstigt, in dessen Windschatten er seine Politik verfolgen konnte und die Amerika vor neue Herausforderungen stellen sollten. Ein GAU, wie der Untergang des U-Bootes Kursk samt Besatzung im Jahr 2000 sowie das schlechte Krisenmanagement, sollte sich nicht wiederholen.

Gleichwohl blieb Russland im Westen, der vielfach immer noch in den alten Kategorien des Kalten Krieges dachte, immer noch das „Imperium des Bösen“. Psychologisch ist „dem Deutschen“ New York immer noch viel näher als Warschau oder Budapest, von Moskau, Minsk oder Astana ganz zu schweigen. Jahrzehnte an Berieselung durch Hollywoods Kinofilme, Fernsehserien, englischsprachige Musik sowie McDonald´s hatten ihre Spuren hinterlassen und den amerikanischen Lebensstil attraktiver erscheinen lassen als romantische Sowjetnostalgie, Tag des Sieges und Moskauer Machtkämpfe. Negativaspekte wie Guantanamo, Water boarding, NSA-Abhörskandale, Irak- und Afghanistankriege sowie wiederholte Schießereien in Schulen, Einkaufszentren und Kinos wurden dabei ausgeblendet.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise, die auch in der EU den Bankrott von Banken und Staaten mitverursacht hatte, zeitigte auch Auswirkungen auf die russische Wirtschaft. Die Inflationsrate stieg auf acht Prozent, 2009 betrug das Haushaltsdefizit sechs Prozent des BIP, der russische Markt stürzte um 40 Prozent ab und 230 Milliarden US-Dollar wurden aus dem Land abgezogen. Doch die Regierung reagierte schnell. 250 Milliarden US-Dollar wurden für die Stützung des Wechselkurses, die Kapitalisierung der Staatsbanken sowie sozialpolitische Maßnahmen wie Arbeitslosenhilfe, Mutterschaftsgeld, Rentenfonds und Weiterbildungsmaßnahmen bereitgestellt. Gleichzeitig bezahlte Moskau seine restlichen Auslandsschulden ab. Auch im Jahr 2011 stiegen die Ausgaben im Gesundheitsbereich um 10, im Kultursektor um 11, in der Bildung um 13,5 sowie in der Verteidigung um 13 Prozent. Die Frage der Modernisierung und Diversifizierung der Wirtschaft, insbesondere in den Bereichen Energieeffizienz, Atomindustrie, Telekommunikation, Medizintechnik und Informationstechnologie ist dagegen ungeklärt. Welche Mischform zwischen Staatsbetrieb und Privatwirtschaft ist für das angestrebte Ziel der Hochtechnologienation am geeignetsten und welche Rolle spielt dabei der Technologiepark Skolkowo bei Moskau? Russland will weg von der Rohstoffabhängigkeit, will die Korruption eindämmen, die Bürokratie abbauen sowie den Umweltschutz verstärken. Der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew, der Russland als ein rückständiges Land mit einer primitiven Wirtschaft bezeichnete, betonte die Bedeutung die vier „I“, die entscheidend für die ökonomische Weiterentwicklung des Landes seien: Innovation, Investition, Industrialisierung und Infrastruktur. Moskau möchte dabei die zur Modernisierung der Wirtschaft, des Staates und der Gesellschaft notwendige westliche Technologie einführen, westliche Werte, Vorstellungen und Normen dagegen aber nicht.

Russlands Renaissance wirft auch Fragen nach seiner Identität und dem Selbstbildnis seiner Politiker auf. Was ist Russland? Ein „liberales Imperium“ (Anatoli Tschubais), eine „gelenkte Demokratie“, eine Präsidialdemokratie oder eine „souveräne Demokratie“ (Wladislaw Surkow)? Ist Putin ein „lupenreiner Demokrat“, ein Managerpräsident oder ein moderner Machiavelli? Die Antwort hängt auch vom politischen Standpunkt ab. Und wo sind die Zentren? Wer entscheidet Was Wie und nach welchen Kriterien? Zur Zeit des Kalten Krieges hatten dazu Kremlastrologen und politische Kaffeesatzleser Konjunktur.

Das Jahr 2013 brachte Russland mit Edward Snowden, Syrien und Iran eine Reihe von außenpolitischen Erfolgen. Anfang Februar 2014 beginnen die Olympischen Winterspiele in Sotschi, 2018 richtet Russland im Land die Fußballweltmeisterschaft aus. Neben Marketingeffekten werden hier wie dort gewaltige Infrastrukturprojekte realisiert.

Russlands gegenwärtige Stärke beruht nicht allein auf der westlichen Schwäche. Doch hat weder die EU, noch Berlin ein Konzept, bzw. eine Strategie für den Umgang mit dem wiedererstarkten Russland. Es gibt zwei Standpunkte: Da derzeit ca. 6 500 deutsche Firmen in Russland tätig sind, dürfe nichts gesagt oder getan werden, was die lukrativen bilateralen Wirtschaftsbeziehungen beeinträchtigen könnte. 2012 lag die deutsch-russische Handelsbilanz bei 80 Milliarden Euro. 100 Milliarden Euro pro Jahr gelten als möglich.

Die andere, diametral entgegengesetzte Position betont die Bedeutung der Menschenrechte und macht dies an Chodorkowski, den Pussy Riot, dem Homosexuellenverbot sowie der Verhaftung der Greenpeace-Aktivisten in der Arktis fest. Die Haltung der Bundesregierung liegt irgendwo dazwischen, wobei die Kanzlerpartei CDU als kritischer, die SPD als moderater gilt. Frank-Walter Steinmeier wird eher geschätzt als sein Vorgänger und Nachfolger Guido Westerwelle.

Russland lag 2012 beim Doing-Business-Index der Weltbank auf Platz 112 von 185. Auch ist die Länderrisikoprämie höher als in den anderen BRICS-Staaten. Im Februar 2012 unterzeichnete Russland die OECD-Konvention zur Korruptionsbekämpfung, im August 2012 wurde das WTO-Mitglied. Die gemeinsame Zollunion Belarus und Kasachstan möchte Russland mithilfe der Moskauer Eurasischen Wirtschaftskommission zur Eurasischen Union vertiefen. Parallel dazu gibt es Überlegungen zur Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes von Lissabon bis Wladiwostok. Weitere gemeinsame Zukunftsprojekte zwischen der EU und Russland beziehen sich auf die Visa-Freiheit, den Mittelstand, die Rohstoff-und Modernisierungspartnerschaft, Freihandelszonen sowie die Investitionsförderung. 2012 wurde mit vielen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Veranstaltungen das Deutschlandjahr in Russland begangen, im April 2013 fand im Rahmen der Hannover Messe unter hochrangiger Beteiligung der Deutsch-Russische Wirtschaftsgipfel statt.

Das Ende des Kalten Krieges brachte für das westliche System psychologische und wirtschaftliche Verwerfungen und Desorientierungen mit sich: Der Nato kam das Feindbild abhanden, die Wirtschaftsgrenze in Europas Osten verschwand und die chinesische Dominanz bei Gütern und Dienstleistungen setzte insbesondere die deutsche Mittelschicht immer stärker unter Druck. Dem vermeintlichen Sieger des Ost-West-Konflikts droht durch Überalterung, geringe Geburtenrate, chinesische Dumpinglöhne sowie hausgemachte Probleme der wirtschaftliche Abstieg. Erfolgreiche GUS-Politiker wie Wladimir Putin und Nursultan Nasarbajew werden da eher als eine weitere Bedrohung, die Abwehrreflexe auslöst, denn als Chance gesehen.

Die Sotschi-Absage des Bundespräsidenten Gauck bekommt nach der vorzeitigen Freilassung von Michail Chodorkowski, den Pussy-Riot-Mitgliedern und den Greenpeace-Aktivisten eine neue, andere Konnotation. Wie auch immer man die Haftentlassung einordnen und interpretieren mag. Und bei allem Respekt für die Opfer der Stasi-Herrschaft – gute Beziehungen zur russischen Föderation sind im Interesse der Bundesrepublik und der EU. Ein deutscher Bundespräsident könnte auch diese Aspekte berücksichtigen und sich nicht nur auf die Kultivierung alter DDR-Feindbilder und deren Projektion auf gegenwärtige russische Politiker beschränken. Der Dialog vor Ort mit unterschiedlichen Ansprechpartnern ist ebenfalls eine Chance, die einer Brüskierung dieses Landes möglicherweise vorzuziehen wäre. Auch eine stärkere Einbindung der Russlanddeutschen in diese Prozesse, die mit ihren Erfahrungen, Kenntnissen und Kontakten die in Sonntagsreden vielbeschworene Brückenfunktion ausüben könnten, ist längst überfällig.

Überschattet werden die Olympische Spiele durch zwei Anschläge im Dezember 2013. Als Auftraggeber wird Doku Umarow vermutet, ein 1964 geborener tschetschenischer Warlord, der bereits im ersten Tschetschenienkrieg kämpfte und nicht die nationale Unabhängigkeit, sondern einen radikal-fundamentalistischen Gottesstaat anstreben soll. Die Vorkehrungen in und um Sotschi wurden entsprechend verstärkt, um sichere Spiele zu gewährleisten, Moskauer sammelten Spenden für die Wolgograder Opfer der Anschläge und Alexander Schukow, der Chef des Nationalen Olympischen Komitees Russlands, betonte, die Sicherheit für Athleten und Gäste zu garantieren. Doch mit hartem Durchgreifen und „totaler Kontrolle“ allein wird sich, insbesondere nach den Spielen, das Problem nicht lösen lassen.

Konstantin Dallibor

 

Kooperation für die EXPO in Astana mit deutschen Unternehmen

Das Hessisches Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUELV) hat zusammen mit der IHK Wiesbaden am 1 Juli 2013 die Veranstaltung  „Expo 2017 in Astana und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit im Bereich der Energie- und Umwelttechnologien“ ausgerichtet. Im Interview nimmt die Pressestelle des HMUELV dazu Stellung.

Foto 2 (1) Foto: HMUELV

 

Die IHK Wiesbaden hat am 1. Juli diese Jahres hat die Veranstaltung „Expo 2017 in Astana und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit im Bereich der Energie- und Umwelttechnologien“ ausgerichtet. Welche Ergebnisse wurden erzielt?

Die Informationsveranstaltung hat das Hessische Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gemeinsam mit Hessen Trade & Invest GmbH und der IHK Wiesbaden veranstaltet. Mehr als 50 interessierten Besuchern überwiegend aus der hessischen Wirtschaft wurden bestehende Investitions- und Kooperastionsmöglichkeiten in Kasachstan aufgezeigt, die unter anderem auf dem Rohstoff- und Technologietransferabkommen der beiden Staaten beruhen. Ein Vertreter des Kasachischen Industrieministeriums hat die bestehenden Möglichkeiten sowie die Möglichkeiten der Unterstzützung der dortigen Regierung praktisch erläutert. Die Deutsche Energieagentur „dena“ hat ergänzend ein laufendes Beratungsprogramm für große Unternehmen in Kasachstan vorgestellt. Ein weiterer Schwerpunkt war die Information durch einen Vertreter der EXPO-Gesellschaft über die von dort gesuchte Kooperation für die EXPO in Astana mit deutschen Unternehmen.
Das Verständnis sowie das gegenseitige Interesse an der Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit konnte deutlich gesteigert werden.

An der Veranstaltung hat auch Jörg Hetsch, der Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien und Vorsitzende des Verbandes der Deutschen Wirtschaft in der Republik Kasachstan, teilgenommen. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit diesen Organisationen?

Herr Hetsch ist mit seinen praktischen Erfahrungen und Verbindungen vor Ort in der gesamten Region ein wichtiges Bindeglied für die Zusammenarbeit. Die Rolle und die Möglichkeiten des Verbandes der Deutschen Wirtschaft wurde deshalb auch in die Veranstaltung eingebunden.

Die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg sind in Kasachstan aktiv. Das Engagement des Bundeslandes Hessen ist ausbaufähig. Welche Schritte kann die IHK Wiesbaden mit ihren 39 000 Mitgliedsunternehmen ergreifen, um die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zu intensivieren?

Die Hessische Landesregierung will durch die Festigung der Zusammenarbeit auf der Regierungs- und Verwaltungsebene das gegenseitige Verständnis und Vertrauen stärken. Die staatliche Zusammenarbeit kann als eine Art Brücke gesehen werden, die es den Unternehmen erleichtert, sich in dem Partnerland zurecht zu finden und die geeigneten Felder für eine Zusammenarbeit sicherer zu erkennen.

Welche hessischen Produkte, Dienstleistungen und Technologien sind Ihrer Meinung nach für die Wirtschaft Kasachstans mit ihrer Diversifizierungs- und Modernisierungsstrategie interessant?

Nach unseren bisherigen gemeinsamen Gesprächen sind eigentlich alle Sektoren einer modernen Umweltschutzpolitik sowie der Bereich zukunftsfähiger erneuerbarer Energien ein geeignetes Handlungsfeld. Hinzu kommt noch der Bereich einer „nachhaltigen“ Planung der Strukturentwicklung. In Stichworten wären das voraussichtlich Wasserwirtschaft, Abwasserreinigung, Naturschutzgebiete, Forstwirtschaft, Luft-, Lärm, Bodenschutz, Abfallwirtschaft, Deponietechnik, Biogas, Wind- und Sonnenenergie zu nennen. Diese Aufzählung ist sicher nicht vollständig.

Was kann Ihrer Meinung nach der kasachische Staat an Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmer verbessern?

Hier spielt die Sicherheit von Investitionen eine bedeutende Rolle. Der Status und Eigentumsrechte eines Investors müssen klar definiert sein, Rechtssicherheit genehmigter Anlagen ist wichtig und die Einhaltung von hohen technologischen Umwelt- und Sicherheitsstandards.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem kasachischen Generalkonsulat in Frankfurt und der kasachischen Botschaft?

Die Zusammenarbeit mit den Aussenvertretungen Kasachstans ist sehr gut und umgekehrt sind auch die Deutschen Vertretungen in Astana und Almaty wichtige Stützen der Zusammenarbeit.

Neben dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, der Regierungsarbeitsgruppen (RAG) Wirtschaft und Investitionen, dem Deutsch-Kasachischen Wirtschaftsrat setzt auch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) Projekte zur Rohstoffkooperation in Zentralasien um. Wie beurteilen Sie diese Zusammenarbeit?

 Im Bereich Rohstoffe liegen bisher noch keine Erfahrungen vor.

 Politische Stagnation und Menschenrechte werden häufig an Kasachstan kritisiert. Wie sehen Sie dies?

Als Bundesland erkennen wir eine Entwicklung in Kasachstan, die auf ein offenes Miteinander mit Hessen ausgerichtet ist. Diese Entwicklung begrüßen und unterstützen wir.

Die fehlende Hermes-Deckungsmöglichkeiten sowie die schleppende Restrukturierungspolitik der kasachischen Banken werden von der deutschen Seite häufig angemahnt. Auch stehen noch 300 Millionen Euro kasachische Schulden bei den Deutschen aus. Wie ist Ihre Position?

Gesicherte Rahmenbedingungen sind eine notwendige Grundlage der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Die Bundesregierung steht dazu ja im Kontakt mit Kasachstan.

 Kasachische Veranstaltungen wie KIOGE, KazStroi, Astana Economic Forum sowie der Tag der Deutschen Wirtschaft in Kasachstan könnten in der Bundesrepublik stärker kommuniziert werden. Wie könnte sich Kasachstan Ihrer Meinung nach besser vermarkten?

Neben Wirtschaftsfragen sind auch Kultur, Vielfalt und Natur des Landes wichtige Aspekte für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

 Konstantin Dallibor

Kasachstans Wirtschaft 2012

Das moslemische, ex-sowjetische und markwirtschaftliche Land Kasachstan ist nicht zuletzt über seine Ölexporte enger in die internationale Finanzwelt eingebunden als etwa die Nachbarrepubliken Usbekistan und Kirgisien. Die Auswirkungen und Verwerfungen der Wirtschaftskrise zeigten sich deshalb stärker und früher. Dennoch hat sich die Lage beim fünftgrößten Erdölexporteur der Welt mit einer jährlichen Förderquote von 80 Millionen Tonnen im Zuge kräftig gestiegener Rohstoffpreise stabilisiert. Kasachstans Rohstoffexporte (Metall, Erdöl, Blei, Zink, Aluminium) stiegen 2011 um 43,7 Prozent auf 88,5 Milliarden US Dollar, die Importe erhöhten sich um 25 Prozent auf 41,2 Milliarden US Dollar. Der Handelsbilanzüberschuss von 47,3 Milliarden US Dollar entspricht etwa 25, 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), und auch für das laufende Jahr und 2013 ist mit einem Leistungsbilanzüberschuss unter Vorbehalt der Entwicklung an den Rohstoffbörsen zu rechnen.

Die ausländischen Direktinvestitionen stiegen 2011 ebenfalls und beliefen sich auf 12,9 Milliarden US Dollar. Dennoch wurde das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht. 2011 wuchs die kasachische Wirtschaft um 7,5 Prozent, für 2012 geht man von 5,5 Prozent Wachstum aus. Die Währungsreserven der Kasachischen Nationalbank belaufen sich derzeit (Stand: August 2012) auf 30 Milliarden US Dollar und der staatliche Rohstofffond („National Fund of the Republic of Kazakhstan“) verfügt über 62,9 Milliarden US Dollar (ebenfalls Stand: August 2012). Der Tenge wurde stabilisiert, der Kurs für einen US Dollar dürfte bei etwas unter 150 kasachischen Tenge liegen. Derzeit liegt die offizielle Arbeitslosenquote bei 5,3 Prozent. Die Teuerungsrate, die 2011 bei 8,3 Prozent lag, wurde bis Juli 2012 auf drei Prozent abgeschmolzen. Dies und andere makroökonomische Daten ermöglichten es der Kasachischen Nationalbank, die Leitzinsen in jeweils vier Schritten von 50 Basispunkten auf 5,5 Prozent abzusenken. Kasachstan ist nach Einschätzung des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft ein chancenreicher und vielversprechender Markt. Kasachstans Außenverschuldung hat sich von 101,5 Prozent im Jahr 2009 auf 67,6 Prozent oder 123, 8 Milliarden US Dollar im Jahr 2012 reduziert und gilt als weniger problematisch. 85 Prozent davon entfallen bei langer Rückzahlungsfrist auf den Privatsektor.

Die deutsch-kasachische Rohstoffpartnerschaft vom Februar 2012, die Wirtschaftsverträge mit einem Gesamtvolumen von 3 Milliarden Euro beinhalten, können den bilateralen Beziehungen neue Impulse verleihen. Kasachstans geografische Lage als Transitkorridor für den europäischen, sibirischen und chinesischen Markt birgt Wachstumspotential. Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den fünf wichtigsten Partnern Kasachstans. Seit 1995 besteht ein deutsch-kasachisches Investitionsschutzabkommen, seit 1998 ein Doppelbesteuerungsabkommen sowie ebenfalls seit 1995 ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit der EU. Der Vorsitzende des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft Eckhard Cordes forderte im März 2012 auf einer Mainzer Veranstaltung ein Bündnis für den russischen Mittelstand. Auch für Kasachstan könnte dies eine Option sein, da die kasachische staatliche Wirtschaftspolitik auf Arbeitsplatzgenerierung, Wertschöpfung, Wissenstransfer sowie Zuliefer- und Fertigungstiefe abzielt. Da die kasachische Wirtschaft jedoch weiterhin auf Importe von Maschinen und Anlagen angewiesen ist, eröffnen sich deutschen Unternehmern Perspektiven in den Bereichen Öl- und Gaswirtschaft, Erzbergbau, Hüttenwesen, der Nahrungsmittelindustrie, der Chemie, Logistik, Telekommunikation sowie der Agrarindustrie und dem Gesundheitswesen/ der Medizintechnik.

Im Zuge der EU-Krise und wird der kasachische Markt interessanter. Ungeklärt ist die Situation der kasachischen Banken. Bereits 2009 kam es zu einer Restrukturierung der Bank Turan Alem (BTA), Kasachstans größtem staatlichen Finanzinstitut. Im März 2012 beliefen sich die „faulen Kredite“ im kasachischen Bankensystem auf 31,9 Prozent oder 11 Prozent der Wirtschaftsleistung. Ende diesen Jahres stehen ein Stresstest sowie eine Schuldenrestrukturierung der Banken an, die allein für die BTA eine Rekapitalisierung von fünf Milliarden US Dollar erfordert. Davon wird zum Teil auch die Wiedergewährung der staatlichen deutschen Euler Hermes Kreditversicherungen für Geschäfte mit den kasachischen Finanzinstituten Bank Turan Alem, Alliance Bank und Astana Finance Bank abhängen. Im Zuge der Wirtschafts-, Finanz- und Staatsschuldenkrise der EU werden Alternativmärkte interessant. Mit gezielten Marketingkampagnen könnte Kasachstan bei deutschen Wirtschafts- und Unternehmensverbänden sowie Ministerien werben und auf Veranstaltungen wie KIOGE, AEF, KAZENERGY sowie die sechs Sonderwirtschaftszonen aufmerksam machen. Auch wirtschaftliche Kooperationsforen wie der deutsch-kasachische Wirtschaftsrat, die Regierungsarbeitsgruppe Wirtschaft und Investitionen sowie die Arbeitsgruppe im BDI leisten dabei gute Arbeit. Die deutsch-kasachische Zusammenarbeit ist für beide Seiten wichtig. Und mehr Aufmerksamkeit in bundesdeutschen Medien wäre hierbei wünschenswert.
Konstantin Dallibor

 

Wachsender Export deutscher Schlüsseltechnologien in GUS-Staaten

http://deutsche-allgemeine-zeitung.de/de/content/view/2438/1/

Großes Potential im Maschinen- und Anlagenbau: Der VDMA dehnt seine Exporte auf Russland und die neuen GUS-Märkte aus. DAZ-Korrespondent Konstantin Dallibor sprach mit Juliane Krause vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. aus Frankfurt. Weiterlesen